Dienstag, 9. März 2010

Deutsches Historisches Museum: "Macht zeigen", Studenten missbrauchen und sparen

Das Deutsche Historische Museum in Berlin, sicher keine ohn- oder unmächtige Institution, schließlich handelt es sich um das nationale Geschichtsmuseum der Bundesrepublik Deutschland, wenn nicht um das Deutsche Nationalmuseum, nutzt seine Stellung, um nun das zu tun, was die Museen in der Provinz auch tun. Es spart. Hemmungslos, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne sich seiner Vorbildfunktion bewusst zu sein!

Während die Provinzmuseen sich vielerorts kaum noch Wechselausstellungen leisten können, die nicht von Studenten, Praktikanten oder anderen unbezahlten Kräften realisiert werden - wofür viele, auch dumme Gründe genannt werden - setzt nun auch das mächtigste unserer Bundesmuseen ein Zeichen und macht es ebenso.

Mit einer Ausstellung, deren Ausstellungstitel in diesem Kontext an Zynismus kaum noch zu überbieten ist. Ihr Titel: "Macht zeigen - Kunst als Herrschaftsstrategie". Warum ich den Titel als zynisch empfinde. Nun, weil die Ausstellung von Studenten der HfG Karlsruhe unter Leitung von Wolfgang Ullrich konzipiert, kuratiert und auch gestaltet wurde und bei dieser Gelegenheit herrschaftsstrategisch ebenso klug wie deutlich asozial die aus der Not geborenen Vorgehensweisen kleiner Museen nun auch beim größten der Nationalmuseen Deutschlands eingeführt werden. Das Prekariat als Hofnarr. ("Wenn das die Kanzlerin wüsste....;-)

Statt ein Zeichen zu setzen und den Studenten der Kulturbranche (vom Designer bis zum Historiker) eine Perspektive zu geben, macht es auf billig und lässt sich von Studenten für praktisch lau eine Ausstellung produzieren. Studenten kosten nix und sind sehr engagiert. Das schont den Etat und so ein Projekt kann man zudem noch dazu als hervorragende Einführung in die Praxis anpreisen. Zumindest in Karlsruhe wird diese Ausstellung als vorbildliche Kooperation und Einführung in die Praxis verkauft. Doch was für eine Praxis ist das? Kein Wort darüber, dass Studenten auf diese Weise verführt wurden, ihren eigenen Sarg zu zimmern, indem sie das Tätigkeitsfeld, in dem sie später einmal ihre Brötchen verdienen wollen, höchst engagiert und fantasievoll selbst kaputt zu machen.

Denn warum braucht es eigentlich noch Ausstellungsdesigner, freie oder fest angestellte Historiker und Kuratoren, wenn es doch ebenso gut mit Studenten, Praktikanten, angestiftet und verleitet von Professoren, geht? Während die Professoren - bestens alimentiert! - ihren guten Ruf dadurch vermehren können, wird sich das Gros der Studenten, die an diesem Projekt mitwirkten, in 10 Jahren fragen, wie doof sie eigentlich heute waren, dass sie ihr Tätigkeitsfeld ohne Not selbst zerstört und so ihre Zukunft oder gar eine Familiengründung praktisch unmöglich gemacht haben. Nicht jeder Professor sorgt sich um die Zukunft seiner Studenten - seine eigene ist ihm oft näher - und offenbar macht die Hochschulreife nicht immer reif fürs Leben, sondern eben nur für das Hochschulwunderland mit all seinen wunderbaren Verlockungen, denen zu widerstehen, schwer fällt. Klar doch! Noch zahlt ja der stolze Papa, keiner sorgt sich und meckern tut auch niemand. Doch wer zahlt, wenn Papa tot ist?

Ebenso bedenkenswert finde ich, dass Peter Sloterdijk einer der Festredner zur Eröffnung dieser Ausstellung war. Ihm hätte ich mehr Überblick zugetraut. Aber für Geld und Einfluss macht auch der wohl alles.

Der Hofnarren gibt es in diesem Staat viele. Viel zu viele. Es ist an der Zeit, dass die Narren wieder etwas ernsthafter und selbstbewusster werden und Menschen auf den Plan treten, die der Ausbeutung von Menschen in Ausbildung zu Ungunsten der Allgemeinheit Einhalt gebieten. Die Herren und Damen des Hofes sollten das leisten!

Mir macht das Angst.

Herr Ullrich, Ihnen nicht?

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Wolfgang Ullrich (Gast) - 2010-03-10 04:13

Bitte erst recherchieren, dann urteilen!

Lieber Herr Borchert,

nein, mir macht nicht Angst, was Sie beschreiben - aus einem einfachen Grund: weil Ihre Behauptungen falsch sind. Sie begehen einen Kurzschluss, wenn Sie aus der Tatsache, dass bei der Kuratierung der Ausstellung "Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie" Studierende mitgewirkt haben, folgern, diese seien als PraktikantInnen missbraucht worden. Zwar wird Ähnliches oft betrieben, doch bevor man so deftige Vorwürfe formuliert, sollte man nachprüfen, ob auch im betreffenden Fall Ausbeutung vorliegt. Fakt ist, dass die Studierenden für Leistungen und Tätigkeiten, die vom Aufwand her über das hinaus gingen, was für einen Hauptseminarschein aufzuwenden ist, also z. B. für das Recherchieren von Leihgeberadressen oder die Korrespondenz mit Leihgebern, einen Stundenlohn von EUR 18.- erhielten. Sollte das die übliche Praktikantenbezahlung sein? Außerdem erhielten alle Studierenden die Möglichkeit, namentlich gekennzeichnete Beiträge für den Katalog zu verfassen, die zum exakt selben Seitenhonorar vergütet wurden wie die Texte voll ausgebildeter WissenschaftlerInnen. Auch das scheint mir sonst nicht üblich zu sein. Den Studierenden die Gelegenheit zu geben, die Vorbereitung einer größeren Ausstellung an einer größeren Institution nicht nur als Planspiel, sondern unter Realbedingungen zu betreiben, sollte also - das war mir gerade wichtig - nicht nur die inhaltliche Arbeit, sondern auch deren Vergütung betreffen.
Sollten Sie Zweifel an meiner Darstellung haben oder mehr Details wissen wollen, fordere ich Sie auf, den Kontakt zu den Studierenden zu suchen und sich die Sachverhalte aus ihrer Sicht darstellen zu lassen. Ich wollte diese kurzen Bemerkungen nur gleich platzieren, bevor zu viele LeserInnen Ihres Beitrags dessen leichtfertiger 'Argumentation' auf den Leim gehen.
Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Ullrich

Joern Borchert - 2010-03-11 17:31

Sehr geehrter Herr Ullrich,

es tut mir sehr leid, dass sich meine Wut über die vielerots geübte Praxis, Studenten zur inhaltlichen und gestalterischen Realisierung von Ausstellungen einzusetzen, in überzogener Weise auch auf das
von Ihnen betreute Projekt übertragen habe. Ich bitte Sie und auch das DHM dafür um Entschuldigung.

Verzeihen Sie mir aber auch, dass ich nach wie vor der Ansicht bin, dass derartige Projekte mit dazu beitragen, den Arbeitsmarkt für Historiker, Kuratoren, Ausstellungsgestalter kaputt zu machen. Schon
jetzt gibt es einige Museen, die ihre Ausstellungen zu großen Teilen oder ganz von Studenten vorbereiten lassen, was zunehmend dafür sorgt,
dass dort feste Stellen dem Rotstift zum Opfer fallen oder
Ausstellungsbudgets vorgesehen sind, die so gering sind, dass freie
Ausstellungsmacher zu Dumpinglöhnen arbeiten müssen, wenn sie denn überhaupt einen Auftrag haben wollen.
Sicher war auch die von Ihnen vorbereitet Ausstellung aus Sicht des DHM vergleichsweise sehr kostengünstig. Oder täusche ich mich da auch?

Wenn Sie ihren Studenten Praxis vermitteln wollen, so ist das höchst begrüßenswert. Bestimmt haben Sie aber auch im universitären Rahmen Möglichkeiten, Ausstellungen zu realisieren.

Tun Sie das! Je häufiger, umso besser.

Mit besten Grüßen

Jörn Borchert
Wolfgang Ullrich (Gast) - 2010-03-11 17:55

Weder Missbrauch, noch Sparen!

Lieber Herr Borchert,

danke für Ihre Antwort!
Ich gebe Ihnen ja absolut recht darin, dass es ein Skandal ist, wie sehr im Kulturbereich Geld durch die schlechte Bezahlung von PraktikantInnen gespart wird. Und gerade gegen diese Praxis war unser Projekt auch gerichtet. Es ist eben nicht mit PraktikantInnen entstanden, sondern ich habe mein Honorar, das ich vom DHM bekam, mit den Studierenden geteilt und ihnen den genannten Stundenlohn von EUR 18.- gezahlt, der zwar nicht 'toll' ist, der aber sicher auch fern von einem Billig- oder Dumpinglohn ist. Das sollte auch dazu führen, dass zumindest die an dem Projekt Beteiligten künftig nicht mehr bereit sein werden, sich ausbeuten zu lassen. Sie sind dafür, sozusagen, nun bereits zu verwöhnt ;-)
Das DHM hat durch die Mitarbeit der Studierenden also keinen einzigen Euro gespart - und andererseits wurde auch keine Stelle innerhalb des Hauses gefährdet. So haben die Studierenden ja nur die Arbeit gemacht, die ohnehin extern vergeben wurde, also eben kuratorische Belange. Ich sehe also nicht nur nicht, wieso unser Projekt damit mittel- oder langfristig einen Schaden angerichtet haben könnte, sondern sehe es als vorbildlich an, um gegen den herrschenden Trend vorzugehen. Im übrigen haben sich damit einige meiner Studierenden Kompetenzen erworben, die ihnen dabei helfen können, auf dem harten Arbeitsmarkt einmal besser zu bestehen. Dass sie dabei etwa auch auf eine eigenständige Veröffentlichung in einem Katalog des DHM verweisen können, wird für sie sicher auch kein Nachteil sein. Es ging mir also nicht so sehr um meine Karriere und meine Zukunft, sondern, anders als Sie vermutet haben, wesentlich darum, meinen StudentInnen eine Chance zu bieten, einmal in eine gute berufliche Zukunft starten zu können.
Ist das so schlimm?
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Wolfgang Ullrich

Joern Borchert - 2010-03-11 21:35

Ob das DHM bei der Ausstellung Geld gespart hat oder nicht, das könnten wir ja nur wissen, wenn es die Verwendung seiner Mittel öffentlich transparent machen würde. Welche Institution macht das schon im Detail?

Sie schreiben: "So haben die Studierenden ja nur die Arbeit gemacht, die ohnehin extern vergeben wurde, also eben kuratorische Belange."

Eben. Genau ist das Problem. Die Studenten haben, ohne sich dessen bewusst zu sein, dem Ersten Arbeitsmarkt einen Auftrag entzogen. Einen Auftrag der einigen Menschen erlaubt hätte, über einen längeren Zeitraum zumindest ihre eigenen Lebensunterhalt, wenn nicht den ihrer Familien zu sichern.

Überdies hat allem Anschein nach auch das DHM kein Interesse daran, deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass es sich bei dieser Ausstellung um ein studentisches Projekt zu Ausbildungszwecken handelt. Als Kurator werden allein Sie, Herr Prof. Dr. Ullrich genannt >>>http://www.dhm.de/ausstellungen/machtzeigen/ausstellung.html

Ferner: Können Sie sich vorstellen, dass etwa das British Museum oder der Louvre Ausstellungen von studentischen Arbeitsgruppen vorbereiten lassen? Wohl kaum.

Bis dahin behaupte ich weiter, dass etwas faul im Staate ist, wenn unser oberstes Nationalmuseum von Studenten eine Ausstellung machen lässt, ohne darauf in aller Deutlichkeit hinzuweisen. Allein schon dieses Faktum macht sichtbar, dass sich das DHM der Zweifelhaftigkeit seines Tuns bewusst ist. Ich fürchte daher, dass mit dem von Ihnen betreuten Projekt ein Versuchsballon gestartet wurde. Einer mit dem ausgelotet werden sollte, wie weit man gehen kann, ohne das Protest laut wird.

Währet den Anfängen!

P.S.: Dennoch, einen Professor wie Sie hätte ich mir zu Studienzeiten auch mal gewünscht.

P.P.S: Sollte ich schon wieder schlampig recherchiert haben, bitte ich Sie herzlichst, mich auf Fehler hinzuweisen.
Wolfgang Ullrich (Gast) - 2010-03-12 09:50

Ja, leider wieder nicht gut recherchiert ;-)

Lieber Herr Borchert,

danke für Ihr Kompliment im P.S. - aber leider muss ich Ihnen wieder in aller Deutlichkeit widersprechen. Sie haben sich offenbar den Katalog zur Ausstellung noch nicht angeschaut. Dort lauten die beiden letzten Sätze von Prof. Dr. Ottomeyer, dem Präsidenten der Stiftung DHM, folgendermaßen: "Dem Konzept der Karlsruher Hochschule für Gestaltung entsprechend, bezog Wolfgang Ullrich Studierende verschiedener Fachbereiche in die Konzeption und Umsetzung der Ausstellung mit ein. Insofern handelt es sich bei 'Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie' um das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen dem DHM und der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe."
Das DHM verschweigt also nichts - und es ist ihm auch nichts peinlich. Wieso auch?
Um es nochmal klar zu sagen: Ich bekam den Auftrag vom DHM, die Ausstellung zu kuratieren, und ein Honorar, wie es in solchen Fällen übrig ist. Es war dann meine Entscheidung, Studierende in das Projekt einzubeziehen und meine Aufgabe mit ihnen zu teilen. Darauf wurde mein Honorar vom DHM weder aufgestockt noch gekürzt, diese Entscheidung hatte also keinerlei finanzielle Auswirkungen!
Dass meine Entscheidung kein Risiko darstellte, was die Qualität der Arbeit anbelangt, folgt aus dem Umstand, dass unsere Hochschule strenge Aufnahmeprüfungen verlangt, alle an der HfG in Karlsruhe Studierenden also als überdurchschnittlich begabt und motiviert angesehen werden dürfen. Insofern habe ich den Ruf des DHM wohl auch nicht beschädigt, nur weil ich Studierende mit in die Vorbereitung integrierte. Haben Sie die Ausstellung überhaupt schon gesehen, wenn Sie so etwas zu vermuten scheinen?
Ich glaube, Sie sollten sich für Ihre Anklage heutiger Museumspolitik ein geeigneteres Beispiel suchen als das unsere. Denn wir haben gerade versucht, einen "Versuchsballon" in ganz anderer Richtung zu starten.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Wolfgang Ullrich

Joern Borchert - 2010-03-13 00:15

Recherche und Wahrheit

Lieber Herr Ullrich,

ich habe vollstes Verständnis dafür, dass Sie mir widersprechen. Ja, widersprechen müssen. Täten Sie es nicht, würde sich das DHM ebenso verärgert zeigen wie ihre Studenten.

In der Tat, ich habe die Ausstellung nicht gesehen. Warum auch? Denn ich kritisiere nicht die Ausstellung, die nach all dem, was ich davon gelesen und gehört habe, inhaltlich wohl durchaus gut gemacht ist, sondern die Politik unseres Nationalmuseums a.k.a Deutsches Historisches Museum.

Ich habe mich nicht einmal bemüht, den Katalog zur Ausstellung zu besorgen. Hätte ich es getan, hätte ich vermutlich das Vorwort überblättert, weil mich Vorworte und Eröffnungsreden nicht nur langweilen, sondern weil ich sie auch als höchstüberflüßig ansehe. Mich interessiert mehr die Substanz als das Geplänkel, das politisch korrekte BlaBla darum herum. Mögen sich ihre Studenten darüber freuen, dass sie im Vorwort marginal Erwähnung fanden. Genutzt hat das nur Ottomeyer. Wenn überhaupt. Ihren Studenten jedenfalls kaum.

Meine Recherchen führte ich ausschließlich im Internet durch und ich denke, dass diese Vorgehensweise heute (2010) durchaus legitim sein dürfte. Mein erster Klick führte auf die Seiten des DHM - na klar -, wo zwar Sie als Kurator der Ausstellung genannt werden, aber keinerlei Hinweis darauf zu finden ist, dass wesentliche Teile der Arbeit von Studenten erbracht wurden. Google ich munter weiter durch's Netz, dann werden Sie weiter oft als Kurator genannt. Bei fast allen etablierten Medien. Dass es sich dabei aber um ein von Studenten maßgeblich getragenes Projekt handelt, wird dort ganz überwiegend unterschlagen. Sicher, seitens der HfG wird das erwähnt. Doch darum geht es mir nicht. Und das wissen und verstehen Sie auch.

Es geht mir darum, dass das DHM dazu beiträgt, Billigproduktionen Vorschub zu leisten, indem es eben beispielsweise einen Auftrag an Sie vergibt. Statt einen Kurator und mehrere Mitarbeiter zu entlohnen, reicht plötzlich der Kurator allein. Nämlich Sie. Es ehrt Sie sehr, dass sie ihre Einkünfte auf die mitarbeitenden Studenten umgelegt haben. Das meine ich mit aller Kraft meines Herzens. Und doch hat das DHM statt mehrerer Personen nur eine bezahlt und freitätige Kuratoren, Historiker, Rechercheure und Steuerzahler (!) um ihr Brot gebracht. Geld gespart und ein schlechtes Beispiel gegeben.

Noch einmal die Frage, die ich Ihnen im vorigen Kommentar stellte:

Können Sie sich vorstellen. dass etwa das British Museum oder der Louvre Ausstellungen von studentischen Arbeitsgruppen vorbereiten lassen?

Bitte um Antwort!

Und wenn Sie mich endgültig ruhig stellen wollen, keinen Kommentar von mir mehr haben wollen, dann recherchieren Sie ein wenig, um zu ermitteln, wie viele Leute normalerweise in die Vorbereitung einer Sonderausstellung des DHM involviert sind und wie diese bezahlt werden. Da Ihnen dieses vermutlich nicht gelingen wird, werden Sie spätestens dann begriffen haben, dass da was faul ist.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass auch Professoren in der Lage sind, ihre Scheuklappen soweit beiseite zu legen, dass sie erfassen können, ob Sie der Gesellschaft (!!!) etwas Gutes tun - oder eben nicht.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass auch Sie dazu beitragen werden, die Welt besser zu machen. Gerade Sie!

Mit besten Grüßen

Jörn Borchert


PS: Bislang ging bei mir noch keine Mail und kein Kommentar von Studenten der HFG ein , die an diesem Projekt beteiligt waren. Das wundert mich --längeres Nachdenken -- oder auch nicht.
Wolfgang Ullrich (Gast) - 2010-03-13 01:02

...und noch einmal

Lieber Herr Borchert,

wie oft muss ich es denn noch wiederholen: Das DHM hat keinen einzigen Euro dadurch gespart, dass ich Studierende in das Projekt einbezogen habe! Klar hätte ich für das Kuratorenhonorar auch auf dem Arbeitsmarkt suchen können, um jemanden zu finden, der mir Adressen recherchiert, Leihgeber anschreibt etc. Dass ich das nicht getan habe, hat mehrere Gründe:
1. Meine Studierenden kenne ich, zu ihnen habe ich mehr Vertrauen als zu mir fremden Personen.
2. Die Studierenden lernen bei dem Projekt auch etwas, und es stärkt die Identifikation mit der eigenen Hochschule, wenn man gemeinsam Projekte machen kann.
3. Auch Sudierende sind Menschen, die Mieten zahlen und zum Teil Familien versorgen müssen - die also Geld brauchen.
Sie hingegn scheinen zu unterstellen, dass Studierende grundsätzlich von Staat und/oder Eltern leben und per se keine Geldsorgen haben können. Das halte ich für weltfremd, kann also kein schlechtes Gewissen dafür entwickeln, dass ich mein Kuratorenhonorar mit Studierenden und nicht mit freiberuflichen Fach- oder Hilfskräften geteilt habe.
Wie es das British Museum etc. halten, weiß ich nicht - es ist mir auch egal. In diesem Fall geht es ja auch nicht um die Politik des DHM, sondern allein um meine eigene Entscheidung. Wie ich schon schrieb: Meinen Vertrag mit dem DHM machte ich, bevor überhaupt darüber entschieden war, ob und dass ich das Projekt zusammen mit den StudentInnen erarbeite.
Soweit ich die Entstehung anderer Ausstellungen im DHM verfolgt habe, kann ich Ihnen aber mitteilen, dass dort auch keine größeren Teams zur Verfügung stehen. Ich habe also nicht den Eindruck, dass in diesem Fall etwas faul ist. Alle Ausstellungen sind, der Macht des Faktischen gehorchend, knapp kalkuliert - Billigproduktionen sind es dennoch keine, wovon Sie sich für den Fall, dass Sie doch noch in die Ausstellung gehen sollten, auch schnell überzeugen können.
Zum Abschluss noch einen freundlich gemeinten Ratschlag: Wer investigativ tätig sein will und steile Hypothesen schon mal gleich als Tatsachen lanciert, sollte auf kein Medium verzichten, das Informationen bieten könnte. So schön das Internet ist und so vieles es bietet, so bequem ist es doch auch, sich allein darauf zu verlassen. Hätten Sie einen Blick in den Katalog geworfen, hätten Sie etwa auch sehen können, dass in dessen Impressum (also auf der Seite, die Profis als erstes anschauen) die Namen aller Studierenden nochmal eigens aufgeführt sind. Dass viele Medien sich auf den Namen des Hauptkurators beschränken (so wie in Konzertbesprechungen zwar der Name des Dirigenten, aber nicht der jedes einzelnen Streichers und Bläsers erwähnt wird), entspringt hingegen der Logik der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ich habe versucht, dem auf der Pressekonferenz, in Interviews etc. entgegenzuwirken, aber oft ging die arbeitsteilige Projektgestaltung dann leider doch unter. Doch gibt es auch eine Reihe von Rezensionen, in denen die Arbeit der Studierenden eigens hervorgehoben wird. Nur sind die eben nicht alle im Internet zu finden ;-)
Lieber Herr Borchert, ich hoffe, nun ist erstmal alles gesagt und ausgetauscht. Oder?
Freundlich grüßt
Ihr
Wolfgang Ullrich

Christina Irrgang (Gast) - 2010-03-13 12:44

Kommentar

Sehr geehrter Herr Borchert,

anbei eine - wie ich Ihren Beiträgen entnehmen konnte - Stellungnahme einer Studentin, die nun leider etwas verkürzt ausfallen muss, da der zuvor verfasste Text von Ihrem Blog "verschlungen" wurde.
Ihrem Argumentationsverlauf zu Folge, gehörten Sie zu einem jener Studenten, die sich nicht schon im Verlauf des Studiums einer in der Realität verankerten Tätigkeit verpflichteten. Viele unserer Karlsruher Hochschule für Gestaltung tätigen Studenten tun aber genau dies - nicht nur mittels solcher, von Prof. Ullrich angebotenen Projekte, sonder tatsächlich auch als freie Kuratoren, Journalisten, Autoren etc. Dass dies möglich ist, liegt nicht nur an der sehr realitätsgebundenen Struktur der Hochschule, sondern auch am Engagement jedes Einzelnen: Studenten, Professoren wie auch Mitarbeiter. Dass Studenten hiermit nicht nur Studenten, sondern Teil eines dem Studententums übergeordneten Prozederes - nämlich der Arbeitsmarkt! - sind, empfinde ich aus meiner Sicht als sehr begrüßungswürdig. Ich sehe in keinster Weise Nachteile, an dem Ausstellungsprojekt "Macht zeigen..." mitgearbeitet zu haben, zu dem Wolfgang Ullrich vom DHM als Kurator eingeladen wurde.

Mit freundlichen Grüßen,
Christina Irrgang
Joern Borchert - 2010-03-14 18:25

Hochmut kommt vor dem Fall

Wenn auch nicht alles verstanden wurde, so ist doch fast alles gesagt.

Ich danke besonders Frau Irrgang für nachfolgende Aussage:
"Ihrem Argumentationsverlauf zu Folge, gehörten Sie zu einem jener Studenten, die sich nicht schon im Verlauf des Studiums einer in der Realität verankerten Tätigkeit verpflichteten. Viele unserer Karlsruher Hochschule für Gestaltung tätigen Studenten tun aber genau dies - nicht nur mittels solcher, von Prof. Ullrich angebotenen Projekte, sonder tatsächlich auch als freie Kuratoren, Journalisten, Autoren etc."

Ich verzichte darauf, ihr ebenfalls schlechte Recherche vorzuwerfen. Selbstüberschätzung gehört zweifelsohne zu den schönsten Bestandteilen der jungen Jahre des Lebens. Denn auch ich wirkte als Student daran mit, den kulturellen Boden so vorzubereiten, dass er mit der Zeit immer unfruchtbarer wurde.

In ein/zwei Jahrzehnten werden Sie sich vielleicht an meine Worte erinnern und die Entwicklungen dort mit eben dem Grausen beobachten, das ich heute empfinde. Dann, wenn Praktikanten und Studenten Sie um Lohn und Brot bringen. Sollte es soweit nicht kommen, würde mich das von Herzen freuen.

Vielleicht begegnen wir uns mal im wirklichen Leben. Gerne erzähle ich dann mehr über meine Erfahrungen, meine Befürchtungen und auch Fakten, die schön aussehen, es aber nicht sind.

Damit ist es auch genug. Die Leser dieses Schriftwechsels mögen sich nun ihr eigenes Urteil bilden.

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Joern Borchert - 2012-01-12 22:00
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Aneta Kováčová (Gast) - 2012-01-12 10:28
Sehr geehrter Anonymus,
Vielen Dank für ihren Kommentar. Ich habe mir...
Joern Borchert - 2011-12-18 19:09
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Sehr geehrter Herr Borchert, ich lese Ihren Blog eigentlich...
LJH (Gast) - 2011-12-13 15:14

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