Mittwoch, 5. September 2007

Was Frauen nicht kennen und Museen nicht haben: Speibecken

Herren hingegen dürften wissen, um welche Sanitäreinrichtung es sich hier handelt.

speibecken ca 1992

Aufnahme: Anfang der 1990er Jahre, irgendwo in Bayern

Genau: es ist ein Kotz- oder Speibecken. Bei Burschenschaftlern soll das Dingens "Papst" oder "Pabst" genannt werden. Keine Ahnung. In solchen Kreisen verkehrte ich nie. Die gebildeten Leser dürfen es Vomitorium nennen.

speibecken technisch
Modell "See", 1968


Allem Anschein nach existieren derartige Becken nur noch in alten Gasthäusern und Bierschwemmen wie etwa dem Hofbräuhaus. Mir ist lediglich ein Hersteller bekannt. Die Firma Keramag in Ratingen. Von dort wurde mir vor mehr als zehn Jahren mitgeteilt, dass von diesen Becken etwa 600 bis 700 Stück pro Jahr verkauft wurden, bis man Mitte der 1980er Jahre wegen mangelnder Nachfrage die Produktion einstellte. Ab wann sie produziert wurden, konnte man nicht mehr ermitteln. Vielleicht ab den 1940er Jahren, so die vage Vermutung der Firma.

Warum aber bringe ich hier einen Beitrag zu Speibecken? Na, weil ich es faszinierend finde, dass es auf dieser Welt wenigstens ein Objekt gibt, dass nur die wenigsten Frauen kennen dürften. Denn bezeichnenderweise hängen diese Becken nur auf Herrentoiletten und sind somit der Kenntnis der Damen entzogen.

Darüberhinaus ist es ein Objekt, dass auf die Praxis des Alkoholkonsums und die allgemeine Akzeptanz damit verbundener Konsequenzen hinweist. Zugleich ein Objekt, dass Auskunft über die Servicebereitschaft von Gastronomen "in einem Land vor unserer Zeit" gibt. Heute sind die Leidenden dazu gezwungen, ihren Kopf dorthin zu halten, wo --- das führen wir jetzt nicht weiter aus.

Völlig ungeschützt vermute ich, dass die Blütezeit dieser Becken die 1950er Jahre waren. Da Keramag ihre Produktion Mitte der 80er Jahre einstellte, vermute ich ferner, dass sich entweder an den Trinkgewohnheiten etwas geändert hat oder an deren allgemeiner Akzeptanz. Immerhin gibt es noch, wie gesagt, Orte, wo diese Becken weiterhin angeboten werden. Mir scheint, dass das eher im süddeutschen Raum der Fall ist.

Unbekannt ist mir, in welchem Umfang es derartige Becken auch in anderen Ländern gab oder noch gibt. Wäre interessant, weil es den Wert der Speibecken als kulturhistorisch aussagekräftige Objekte noch steigern würde, wenn diese nur in Deutschland benutzt worden wären.

Ich würde mich also freuen, wenn ich Hinweise zu Herstellern und Orten der Installation bekommen würde. Ebenso würde ich mich freuen, wenn mir mitgeteilt würde, ob es ein Museum gibt, dass derartige Sanitärkeramik im Sammlungsbestand hat.

Wer weiterlesen möchte, der findet hier etwas:

+ "Speibecken" bei Wikipedia (+Bild)
+ Blog von r0ssi.de
+ eines aus Frankreich (?), das zu einer ehr bückenden Haltung auffordert
+ oder etwas zum Osterfest?
+ flickr
+ eines in Bangkok
+ im Hofbräuhaus (modern style)
+ in einem englischsprachigen Forum etwas über das "Vormitub"

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http://joernborchert.twoday.net/stories/4233456/modTrackback

Kulturtussi - 2007-09-06 13:31

Fundstücke

Siehst Du, so nett ist das, wenn man im Blog die ein oder anderen Dinge hübsch kommentiert, die einem als Kulturschaffender so hie und da unter die Augen kommen.
Mich haben auch tatsächlich immer schon solche geheimen Männerwelten fasziniert!!
Was ist übrigens mit dem Treffen der Kulturblogger? Auf meine Bereitschaft hin, dabei zu sein, kam keine Antwort!!
so long
Kulturtussi

Robert Auer - 2013-01-30 17:12

Die Fa. Keramag stellt Speibecken wieder her.

Futterkiste

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Kommentare

Danke sehr!
Danke sehr!
Joern Borchert - 2015-01-14 00:42
Toller Artikel!
Hallo Herr Borchert, ich fand den Artikel sehr interessant. Herzlichen...
Perfectrix - 2014-11-20 09:37
Einladung an Nina
Danke Dir für die netten Worte. So wie ich Dir...
Joern Borchert - 2014-06-20 23:47
Feuerlöscher
Lieber Jörn, super, dass Du die Serie startest...
nina gorgus - 2014-06-11 09:45
Richard lebt!
Schön, mal wieder etwas von Dir zu lesen. Werde...
Joern Borchert - 2014-05-30 19:50

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