Mittwoch, 15. August 2012

Unbedingt besuchen! Das Niederländische Gefängnismuseum

Die meisten Museumsfans fahren in die großen Städte, um das zu sehen, was schon Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen vor ihnen gesehen haben. Ich auch. Louvre, British Museum, Museumsinsel Berlin....

Doch die Entdeckungen, die mich persönlich am meisten begeisterten, habe ich fast immer in der Provinz gemacht. Da, wo ich sie nicht erwartet hatte. Ein Korkenzieher-Museum im Luberon, das Museon Arlaten, Wilhelm Busch in Wiedensahl, ein Biermuseum in den Ardennen, ein Strandgutmuseum auf Terschelling, ein Landwirtschaftsmuseum in Norditalien... Kleine, feine und vor allem gefühlsberührende Museen.

Veenhuizen Museum

Vor wenigen Wochen entdeckte ich im Norden der Niederlande für mich das Gefängnismuseum in Veenhuizen. Wo? Ja, in Veenhuizen, dem Mittelpunkt Sibiriens, wenn er in den Niederlanden läge. Weiden. Wälder, Sumpf. Mittendrin ein paar Häuser und ---- viele Gefängnisse. Darunter auch ein historisches, das als nationales Gefängnismuseum der Niederlande fungiert.

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Obwohl dieses Museum wohl fast alle Niederländer kennen, es 2007 zum besten historischen Museum der Niederlande gekürt wurde und 2011 weit mehr als 100.000 Besucher empfing, ist es in Deutschland so gut wie unbekannt.

Das mag damit zu tun haben, dass es im Niederländischen Nirgendwo liegt. Vor allem aber wohl damit, dass man bisher darauf verzichtet hat, deutschen Touristen diesen merkwürdigen Ort schmackhaft zu machen. Zwar gibt es eine gut gestaltete Internetpräsenz, doch bislang ohne fremdsprachige Versionen. Schade, oder niederländisch: Jammer!

Ebenso traurig ist es, dass alle Texte in diesem Museum sich lediglich an die Besucher wenden, die der niederländischen Sprache mächtig sind. Immerhin gibt es an der Kasse eine Broschüre, die deutschen Besuchern die wichtigsten Inhalte verständlich macht. Die ist wirklich gut gemacht. Aber sie ersetzt halt nicht die direkte Auseinandersetzung mit den Exponaten und Installationen. Niederländische Besucher dürften das Museum sehr viel intensiver erleben als deutsche.

Dabei ist dieses Museum inhaltlich und gestalterisch so gut gemacht, dass es mehr Aufmerksamkeit verdiente. International, aus pragmatischen Gründen aber vor allem auch in Deutschland. Doch dieses Problem scheint auch bei den Trägern des Museums erkannt worden zu sein. In den nächsten Jahren will es auch für die die Besucher des Auslands attraktiver werden.

Mir hat besonders gut gefallen, dass es alle Register zieht, die einen Museumsbesuch zu einem nachhaltigen Erlebnis werden lassen können.

Dieses Erlebnis beginnt schon mit der Anreise. Nach einigen Kilometern durch Wälder und Felder taucht endlich der Hinweis auf's Museum am Straßenrand auf. Nachdem das Auto geparkt ist, fällt bald der Blick auf ein etwas monotones, aber hübsches Gebäude, das von einem Wassergraben umsäumt ist. Den ersten Knast in Veenhuizen. Gegründet zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die Damen am Empfang sind höchst freundlich und hilfsbereit. Trotz der Sprachenbarriere. Oder gerade deswegen? --- Im weiteren Verlauf begegnen wir keinen weiteren Museumsangestellten, was wir als sehr angenehm empfanden. Hier kann man sich in aller Ruhe den Exponaten begegnen, ohne dass einem Aufseher auf die Finger klopfen. Gerade in einem Gefängnismuseum empfanden wir das als bemerkenswert sympathisch.

Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt mit einem klaustrophobischem Erlebnis. Eingesperrt in einen Raum, sieht man Andeutungen von Verbrechen, die Berichterstattung in den Medien darüber und vielleicht noch mehr. Nach wenigen Minuten will man nur noch raus aus diesem Raum. Nirgendwo gibt es einen Hinweis darauf, wann man diesen Raum endlich verlassen darf. Eindrucksvoller kann man den Eingang in eine Ausstellung über den Strafvollzug wohl kaum gestalten. Wir drückten nach ca. 4 Minuten auf den roten Knopf, um den Raum wieder verlassen zu können. Im echten Knast gibt es keinen roten Knopf...

Danach beginnt die eigentliche Ausstellung. Ein Zellengang, der in die Basics des Strafvollzugs einführt. Sehr behutsam. Zunehmend werden die Informationen dichter. Von mittelalterlichen Strafen bis zur Gegenwart reichen die Exponate und Informationen. Im Mittelpunkt stehen natürlich die Einrichtungen, die Veenhuizen bis heute ausmachen.

Das Museum wird nie langweilig. Mal sind es klassisch präsentierte Objekte, die einen in den Bann ziehen, mal Modelle oder Inzenierungen. Was fürs Auge und den Kopf. Solche, die zur Partizipation, d.h. Meinungsäußerung oder zum Anfassen auffordern oder einfach nur schön anzusehen oder witzig sind.

Besonders bemerkenswert erscheint mir in diesem Museum die Umsetzung der heute immer geforderten Interaktivität. Dieses Museum macht vor, wie das geht. Und zwar so, dass nicht nur die erwachsenen Besucher auf ihre Kosten kommen, sondern auch Kinder ihren Spaß haben und auf unterhaltsame Weise etwas lernen. Dieses Museum ist ein echtes Familienmuseum. Fast so, wie ich es mir vorstelle.

Hier ein paar Impressionen aus dem Gevangenis Museum in Veenhuizen:















Zu den vielen sympathischen Seiten des Museums gehört, dass zu seinen Zielgruppen auch Kinder gehören. Zu den entsprechenden Installationen gehört seit diesem Jahr ein Parcours für Kinder (Alter: 7 - 12 Jahre), der ihnen unter dem Titel "De Vloek van Veenhuizen" die wesentlichen Inhalte des Museums auf spannende, also abwechslungsreiche Weise nahe bringt.






Links:

- Homepage: Gevangenismuseum Veenhuizen

- Ausstellungsgestaltung: Kinkorn

- Spezielle Website: De Vloek van Veenhuizen (Rundgang für Kinder)

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Kommentare

Danke sehr!
Danke sehr!
Joern Borchert - 2015-01-14 00:42
Toller Artikel!
Hallo Herr Borchert, ich fand den Artikel sehr interessant. Herzlichen...
Perfectrix - 2014-11-20 09:37
Einladung an Nina
Danke Dir für die netten Worte. So wie ich Dir...
Joern Borchert - 2014-06-20 23:47
Feuerlöscher
Lieber Jörn, super, dass Du die Serie startest...
nina gorgus - 2014-06-11 09:45
Richard lebt!
Schön, mal wieder etwas von Dir zu lesen. Werde...
Joern Borchert - 2014-05-30 19:50

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