Museumstag in Second Life - eine Revolution?

Wie jedes Jahr seit 1977 so findet auch dieses Jahr der Internationale Museumstag statt. Dieses Mal am 18. Mai. Sein diesjähriges Motto lautet "Museen und gesellschaftlicher Wandel". Original und besser lautet es: "Museums as agents of social change and development". Wahrscheinlich wird er hierzulande ablaufen wie jedes Jahr. Keiner reißt sich ein Bein aus. Die Museen bieten (wie die jeden Sonntag) Führungen an, die irgendwie etwas mit dem Thema zu tun haben, gewähren freien Eintritt und die ganz besonders sympathischen Museen, machen daraus einen Familientag und servieren zum Kinderprogramm Kaffee und Kuchen. Doch sollte es ein ganz besonders sonniger Tag sein - dann rauchen an den Seen und auf den Balkonen die Grills und die potentiellen Besucher lassen Museen Museen sein und Museumstag Museumstag. Doch auch wenn die Besucher ausbleiben, der Museumstag hat wieder seine Funktion erfüllt. Wie jedes Jahr seit 1977. -Gähn- Nämlich den Nachweis zu erbringen, dass Museen bemüht sind, neue Zielgruppen anzusprechen und damit etwas für ihr Image zu tun. Die Zeitungen haben berichtet und damit ist es auch gut. Welcher Hahn fragt schon krähend nach der Resonanz bei den Menschen auf der Straße? Wir haben so getan, als ob wir etwas getan hätten und damit muss es auch gut sein. Denken sich nicht die wenigsten Angestellten des öffentlichen Dienstes.
Doch dieses Jahr hat ICOM (International Council of Museums) die Revolution ausgerufen. Der Museumstag soll mehr im realen Leben verankert werden. Damit das gelingt, soll der Museumstag nun auch in Second Life stattfinden. Irrsinnigerweise.Hosted by the Tech Museum of Innovation.
"From real-world museums, museum professionals and the public will be able to communicate with colleagues, artists and “residents” in the virtual world. They will therefore be able to participate in the collective development of exhibits in The Tech in SECOND LIFE®."
Dass in die klassischen Museen das Eingang findet, was im realen Leben keinen festen Sitz mehr hat, das ist nicht neu. Das kennen wir seit mehr als hundert Jahren. Werden die Bauern weniger, schaffen wir Freilichtmuseen. Werden kaum noch Malocher in der Fabrik oder im Bergwerk gebraucht, dann errichten wir Industriemuseen. Nun stirbt Second Life, wie nachfolgende Graphik zeigt.

Doch statt dieses Eiland der virtuellen Welten im Museum zu begraben, sollen sich die Museen an diesen langsam, aber stetig mangels Besuchermasse sterbenden Ort begeben, um sich selbst zu feiern. Was soll ich von dieser Party am Sterbebett halten? Sind die Verantwortlichen von ICOM pervers? Sicher nicht. Sie hinken nur, was Museen - zumindest die kulturhistorischen - ja auch als Orte des Rückzugs und der Entschleunigung des Lebens auszeichnet und immerwährend attraktiv macht, der Zeit hinterher und sind sich ihrer Stärken nicht bewusst. Sie wollen modern sein und verstehen nicht, dass die von ihnen geleiteten Museen nur dann eine gute Chance haben, weiterhin und dauerhaft besucht zu werden, wenn sie eben und gerade nicht modern sind. Wenn sie den Menschen Gelegenheit geben, am Beispiel des zeitlich oder örtlich Fremden über ihr heutiges und hiesiges Leben nachdenken zu können und ihnen einen Ort der inspirierenden Ruhe anbieten. Ganz real und wirklich wirksam. Statt ihre Stärken weiter zu entwickeln, satteln sie ein halbtotes Pferd. Ein Pferd, das von mehr faulen Journalisten als interessierten Internetbesuchern geritten wird. Das sollte nachdenklich machen.
PS: ICOM-Deutschland hat all das noch gar nicht mitbekommen. Weder auf seinen Seiten noch auf denen des Museumstages wird auf die geplanten Aktivitäten in Second Life hingewiesen. Ein Hoffnungsschimmer? Wohl kaum. Wohl eher ein Beweis des Desinteresses oder verzögerter Umsetzungsfähigkeit.
s.a. 2803
Joern Borchert - 2008-02-29 21:25 + 317




.