Endlich war auch ich einmal in Dresden. Das Weihnachtsfest und meine Schwester machten es möglich. Klar auch, dass die kulturellen Highlights der Stadt Bestandteil des Festtagsprogramms sein sollten. Das Grüne Gewölbe, die Gemäldegalerie Alter Meister, das Hygienemuseum, die Frauenkirche. Wie kann man Dresden besuchen, ohne sie gesehen zu haben?
Selbstverständlich ist das Ensemble rund um die Residenz sehr sehenswert. Wo sonst gibt es so viel Barock auf so wenigen Quadratmetern? Gleichzeitig ein Areal, wo man nicht umhinkommt der Frage nachzuspüren, was der Wiederaufbau, die Rekonstruktion kriegszerstörter Architektur bedeutet. Was wäre Dresden ohne diese Bauten am Elbufer, ohne Zwinger, Residenz? Eine der großflächigsten Städte Deutschlands ohne identitätsstiftenden Mittelpunkt. Nach dem Besuch der Frauenkirche überfiel mich jedoch das Gefühl irgendwo in Disneyland gelandet zu sein. Die Frauenkirche ist architektonisch sicher ein Juwel. An die Farbigkeit in ihrem Inneren kann ich mich jedoch nicht gewöhnen. Sie harmoniert zwar hervorragend mit den grellbunten Outfits der russischen Touristinnen, nicht jedoch mit meinem Farbempfinden. Vielleicht lag es an der fehlenden Patina, vielleicht am geregelten Besucherfluss an den Festtagen. Draußen vor der Tür den Blick schweifen lassend sieht man außer einem großem, öden Platz und dem Kulturpalast einige rekonstruierte Gebäude, die überwiegend der Aufnahme gastronomischer Betriebe dienen, die edel sein wollen, auf mich aber eher unangenehm marktschreierisch und meist "neureich" wirkten. Wer auch immer es sich leisten kann, baut hier rund um die Frauenkirche Gebäude auf, die auf alte Vorbilder zurückgehen, aber keinerlei Charme entwickeln können, weil sie zu sagrotangebadet daherkommen. Offenbar geht es hier mehr darum, mit Geschichte Geld zu machen, als Identität zu fördern und den Dresdnern ihren Mittelpunkt zurückzugeben.
Und wo ich schon im Fettnapf stehe, das nächste Sakrileg: das Historische Grüne Gewölbe. Wer das nicht gesehen hat, der muss Dresden ein zweites Mal besuchen. Zumindest gaukeln einem das die Werbebroschüren vor. Glauben Sie ihnen nicht! Den Zugang zu reglementieren ist ein Marketinginstrument, das in den letzten Jahren von Museen und Ausstellungshäusern in zunehmendem Maße angewandt wird, um die Attraktivität einer Ausstellung zu steigern. So auch hier. Why not? Eigentlich kommt man in's Gewölbe nur per Vorbestellung. Doch wer etwa um 10 Uhr kommt, kann eine der 200 Karten erwerben, die täglich ohne Vorbestellung ausgegeben werden. Immerhin. Nachmittags durfte ich so das Grüne Gewölbe besichtigen. (Fotos davon kann ich Ihnen keine anbieten, weil das Fotografieren verboten ist. Warum eigentlich?)
Das Historische Grüne Gewölbe ist mit viel Sachverstand und Liebe zum Detail rekonstruiert. Beeindruckend. Aber leider kaum anrührend. Auch dieser Ort ist dafür zu clean und glatt. Natürlich ist der Juwelenraum ob der Fülle der Edelsteine atemberaubend. Auch die anderen Räume sind sehenswert. Doch stehen meiner Ansicht nach der Aufwand, den Besuch vorzubereiten und das Resultat (das Besuchserlebnis) in keinem günstigen Verhältnis.
Was allein könnte man schon dadurch erreichen, eine Beleuchtung zu installieren, die den Räumen etwas mehr aufmerksamkeitssteigernde Dramatik verliehe? Meine bühnenerfahrene Begleiterin meinte sofort, dass man eine derartige Beleuchtung am Theater mit "Arbeitslicht" bezeichnen würde. Kein Kompliment. Da es sich ohnehin um eine Rekonstruktion handelt wäre eine bessere Beleuchtung ebenso legitim, wie etwa auch ein paar erläuternde Texte, geschickt unterzubringen. Sie werden durch einen Audioguide ersetzt. Einen, der kaum Freude bereitet. Denn für jeden Raum gibt es lediglich einen einzigen Text. Wenn Sie also etwas zu einem einzelnen Exponat wissen wollen, sind sie aufgeschmissen. Ebenso werden Sie enttäuscht sein, wenn Sie andere Fragen als die haben, die Kunsthistoriker interessieren. Und derartige Fragen drängen sich gerade hier auf. Fragen zur Geschichte des Sammelns und Ausstellens, zur Entdeckungsgeschichte, zur Geometrie (Elfenbeinraum), um nur die zu nennen, die mir ad hoc einfallen. Ihnen fallen beim Besuch sicher noch mehr Fragen ein, die nicht beantwortet werden.
Mein Tipp: Besuchen Sie vor allem das Neue Grüne Gewölbe. Das ist ob seiner Exponate mindestens ebenso sehenswert und macht wirklich Freude, weil es da sehr viel wirklich Wunderbares zu sehen gibt. Super! Anschließend etwas im Zwinger entspannen und dann in die Gemäldegalerie Alter Meister, den Louvre Dresdens. Dort dürften nicht nur die Gemälde Ihre Begeisterung entfachen, sondern auch die "olle" Atmosphäre in den Ausstellungsräumen. Komfortable Sitzgelegenheiten geben reichlich Gelegenheit, Kunstwerke, Räume und Besucher zu betrachten und zu genießen. Herrlich! (Für 5 Euro gibt es dort sogar eine Fotoerlaubnis).
Doch mehr als die offiziellen Highlights begeisterten mich in Dresden, die Orte und Örtlichkeiten am Rande. Halt alles, was dem Krieg (wohl) nicht zum Opfer fiel, original erhalten und authentisch ist. Zum Beispiel vieles auf der anderen Seite der Elbe. Der Weiße Hirsch zum Beispiel. Mit seinen beeindruckenden Villen. Winterwundertraumhaft und etwas abseits die Szenerie rund um Schloss Moritzburg, wo die Schlittschuhläufer auf dem See ihre Bahnen zogen. Ja, auch da wurde "Drei Nüsse für Aschenbrödel" (CSSR/DDR 1973) gedreht. Wunderschön. (Schlittschuhe einpacken!) Und last but not least: Die
Gartenstadt Hellerau. Ein Muss für alle Jungarchitekten und Stadtplaner.