"Die Flucht": Geschichte wird gemacht
Als Ethnologe, Kulturwissenschaftler und Kind von Flüchtlingen, das seit es denken kann, sich immer und immer wieder Geschichten von der Flucht anhören musste, konnte ich natürlich nicht widerstehen und schaute mir zumindest den zweiten Teil des ARD-Epos "Die Flucht" an.
Meine Kritik:
So wird Geschichte gemacht. Ob wir es wollen oder nicht, so wird sich die Geschichte der Flucht in den Köpfen festsetzen. Nicht in allen - einige wissen es besser - aber in den Köpfen der meisten. Dieser Film wird von nicht unerheblichem Einfluss auf die öffentliche Diskussion um das "Zentrum gegen Vertreibungen" bleiben. Selten bewusst, häufiger unbewusst wird er Entscheidungen beeinflussen.
Doch: es gab nicht DIE Flucht. Es gab sehr viele "Fluchten". Millionen unterschiedlicher menschlicher Schicksale. Der Film ist Science Fiction. Das kann gar nicht genug betont werden.
Denn es spielte schon eine Rolle, ob man aus Ostpreußen, aus Pommern oder aus Breslau flüchtete. Nebenbei: Wer heute nach Oberschlesien reist, der wird überrascht sein, wie viele Deutschstämmige dort noch leben, deren Eltern eben nicht geflüchtet sind. Nicht immer war die Flucht so spektakulär, wie die der Flüchtlinge, die im Winter über's Haff flohen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil floh in überfüllten Zügen gen Westen. Das war in wenigen Tagen, manchmal auch nur Stunden erledigt. Auch eine solche Flucht war alles andere als ein Vergnügen. Allerdings auch weniger telegen.
Was mich als Historiker und mittelbar Betroffener an diesem Film stört, ist vor allem die Tatsache, dass all die bekannten "Highlights" der dramatischen Flüchtlingsgeschichten zusammengerührt wurden und so eine reißerische Story entstand, die so wohl kaum einer oder eine erlebt haben kann. Politisch korrekte ostpreußische Adelige verliebt sich in französischen Zwangsarbeiter, während zeitnah ihre Freundin von Russen vergewaltigt wird. Der Flüchtlingstreck zieht an aufgehängten Deserteuren vorbei. Auf dem zugefrorenen Haff wird in einem Leiterwagen ein Kind geboren, nachdem eines stirbt, das nicht beerdigt werden kann, weil der Boden zu sehr gefroren ist. Zwischendurch greifen Tiefflieger den Flüchtlingstreck an. Der heimliche Lover der Gräfin versinkt bei einer Rettungsaktion im eisigen Wasser. Ein Ruf aus dem Munde der spröd-gefühlvollen Gräfin und er taucht wieder auf, was ihrem Mann offensichtlich nicht gefällt.
Ich will das Leid der Flüchtlinge nicht schmälern, aber so war es nicht. Denn der Film stellt eine Synopse der bekannten Flucht-Topoi dar, die seit dem Kalten Krieg Historikern nur allzu bekannt sein dürften, vor allem wenn Sie Interviews zur Thematik durchgeführt haben. Insofern bin ich etwas verwundert darüber, dass die im Abspann genannten Historiker - allesamt anerkannte - nicht für mehr historische Korrektheit gesorgt haben. Doch, auch Historiker sollten sich ihrer politischen Verantwortung bewusst sein .
Es war aber auch nicht die Flucht als solche, die den Flüchtlingen wirklich zu schaffen machte. Es war eher der Verlust der Heimat, die Notwendigkeit, das Leben von Null an wieder neu aufbauen zu müssen, sich in eine fremde Landschaft und vor allem eine neue soziale Umgebung integrieren zu müssen. Flüchtlinge waren nicht beliebt. Sie hatten nichts und jammerten nur. Was nach der Flucht kam, war für Flüchtlinge sehr viel schwerer zu ertragen als die Flucht selbst. Das machte ihren Mitmenschen keine Freude.
Darüber einen Film zu machen, dürfte sehr viel schwieriger sein und weniger Zustimmung von Kulturstaatsminister Neumann erhalten. Denn da würde der Finger auf einen der wunden Punkte unserer Nachkriegsgeschichte gelegt werden müssen. Auf all die oft unnötigen Schwierigkeiten, die Flüchtlingen von denen bereitet wurden, die nicht geflohen sind und deshalb auch kaum Verständnis für die Sorgen und Nöte der Flüchtlinge aufbringen konnten. Ein solcher Film wäre sicher weniger larmoyant, würde uns aber vielleicht weitere Diskussionsanreize zu der Frage liefern, wie wir mit Fremden umgehen. Seien sie aus dem eigenen Land oder aus anderen. Schließlich fühlten sich das Gros der Flüchtlinge in Westdeutschland erst wohler, als in größerem Umfang Türken als sogenannte "Gastarbeiter" nach Deutschland kamen. Anfang der 60er Jahre. 15 Jahre nach Kriegsende.
Andere Filmkritiken:
+ "Vertreibung als Drama.Die Flucht vor uns selbst." Im Tagesspiegel.
+ Peter Steinbach (einer der Filmberater) im Tagesspiegel.
+ "Wie die Flucht aus Schlesien wirklich war" in der Welt.
+ "Das stimmt vorne und hinten nicht" Der Historiker Heinrich Schwendemann über den Film im Deutschlandfunk.
+ Der Betonblog weist auf ein Interview mit dem Politikwissenschaftler Peter Reichel im Deutschlandradio hin.
Meine Kritik:
So wird Geschichte gemacht. Ob wir es wollen oder nicht, so wird sich die Geschichte der Flucht in den Köpfen festsetzen. Nicht in allen - einige wissen es besser - aber in den Köpfen der meisten. Dieser Film wird von nicht unerheblichem Einfluss auf die öffentliche Diskussion um das "Zentrum gegen Vertreibungen" bleiben. Selten bewusst, häufiger unbewusst wird er Entscheidungen beeinflussen.
Doch: es gab nicht DIE Flucht. Es gab sehr viele "Fluchten". Millionen unterschiedlicher menschlicher Schicksale. Der Film ist Science Fiction. Das kann gar nicht genug betont werden.
Denn es spielte schon eine Rolle, ob man aus Ostpreußen, aus Pommern oder aus Breslau flüchtete. Nebenbei: Wer heute nach Oberschlesien reist, der wird überrascht sein, wie viele Deutschstämmige dort noch leben, deren Eltern eben nicht geflüchtet sind. Nicht immer war die Flucht so spektakulär, wie die der Flüchtlinge, die im Winter über's Haff flohen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil floh in überfüllten Zügen gen Westen. Das war in wenigen Tagen, manchmal auch nur Stunden erledigt. Auch eine solche Flucht war alles andere als ein Vergnügen. Allerdings auch weniger telegen.
Was mich als Historiker und mittelbar Betroffener an diesem Film stört, ist vor allem die Tatsache, dass all die bekannten "Highlights" der dramatischen Flüchtlingsgeschichten zusammengerührt wurden und so eine reißerische Story entstand, die so wohl kaum einer oder eine erlebt haben kann. Politisch korrekte ostpreußische Adelige verliebt sich in französischen Zwangsarbeiter, während zeitnah ihre Freundin von Russen vergewaltigt wird. Der Flüchtlingstreck zieht an aufgehängten Deserteuren vorbei. Auf dem zugefrorenen Haff wird in einem Leiterwagen ein Kind geboren, nachdem eines stirbt, das nicht beerdigt werden kann, weil der Boden zu sehr gefroren ist. Zwischendurch greifen Tiefflieger den Flüchtlingstreck an. Der heimliche Lover der Gräfin versinkt bei einer Rettungsaktion im eisigen Wasser. Ein Ruf aus dem Munde der spröd-gefühlvollen Gräfin und er taucht wieder auf, was ihrem Mann offensichtlich nicht gefällt.
Ich will das Leid der Flüchtlinge nicht schmälern, aber so war es nicht. Denn der Film stellt eine Synopse der bekannten Flucht-Topoi dar, die seit dem Kalten Krieg Historikern nur allzu bekannt sein dürften, vor allem wenn Sie Interviews zur Thematik durchgeführt haben. Insofern bin ich etwas verwundert darüber, dass die im Abspann genannten Historiker - allesamt anerkannte - nicht für mehr historische Korrektheit gesorgt haben. Doch, auch Historiker sollten sich ihrer politischen Verantwortung bewusst sein .
Es war aber auch nicht die Flucht als solche, die den Flüchtlingen wirklich zu schaffen machte. Es war eher der Verlust der Heimat, die Notwendigkeit, das Leben von Null an wieder neu aufbauen zu müssen, sich in eine fremde Landschaft und vor allem eine neue soziale Umgebung integrieren zu müssen. Flüchtlinge waren nicht beliebt. Sie hatten nichts und jammerten nur. Was nach der Flucht kam, war für Flüchtlinge sehr viel schwerer zu ertragen als die Flucht selbst. Das machte ihren Mitmenschen keine Freude.
Darüber einen Film zu machen, dürfte sehr viel schwieriger sein und weniger Zustimmung von Kulturstaatsminister Neumann erhalten. Denn da würde der Finger auf einen der wunden Punkte unserer Nachkriegsgeschichte gelegt werden müssen. Auf all die oft unnötigen Schwierigkeiten, die Flüchtlingen von denen bereitet wurden, die nicht geflohen sind und deshalb auch kaum Verständnis für die Sorgen und Nöte der Flüchtlinge aufbringen konnten. Ein solcher Film wäre sicher weniger larmoyant, würde uns aber vielleicht weitere Diskussionsanreize zu der Frage liefern, wie wir mit Fremden umgehen. Seien sie aus dem eigenen Land oder aus anderen. Schließlich fühlten sich das Gros der Flüchtlinge in Westdeutschland erst wohler, als in größerem Umfang Türken als sogenannte "Gastarbeiter" nach Deutschland kamen. Anfang der 60er Jahre. 15 Jahre nach Kriegsende.
Andere Filmkritiken:
+ "Vertreibung als Drama.Die Flucht vor uns selbst." Im Tagesspiegel.
+ Peter Steinbach (einer der Filmberater) im Tagesspiegel.
+ "Wie die Flucht aus Schlesien wirklich war" in der Welt.
+ "Das stimmt vorne und hinten nicht" Der Historiker Heinrich Schwendemann über den Film im Deutschlandfunk.
+ Der Betonblog weist auf ein Interview mit dem Politikwissenschaftler Peter Reichel im Deutschlandradio hin.
Joern Borchert - 2007-03-05 22:49 + 586




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