Montag, 5. Februar 2007

Naturkundemuseen: Befreit die Natur!

die bleiwueste lebt

Dieser Text von Dr. Günter Wahlefeld liegt schon lange in meiner Schublade. Heute gefällt er mir besonders gut.

"(...)Ich möchte einen ganz und gar subjektiven Eindruck schildern, der mir beim Besuch des American Museum of Natural History (AMNH) plötzlich wie ein Schreck in die Glieder fuhr. Es war ein Gefühl, eine Art Enttäuschung, die ich am ehesten so umschreiben möchte: es gibt auf dieser Welt zwar zigtausende Kunst- und Geschichtsmuseen, aber nur ein einziges Naturkundemuseum. (Frau Köstering brachte ja gerade eben erst diesen Wahrnehmungseffekt auf die Formel: „Wenn man eins kennt, kennt man alle.“) Bei meinem Gang durch endlose Stockwerke, Trakte und Säle wurde mir plötzlich die permanente Anstrengung spürbar, die darin liegt, jedes Objekt zu kommentieren, beziehungsweise jedes Objekt kommentiert vorzufinden. Ein seltsamer Zwang scheint sich darin zu artikulieren, es ist, als müsse man sich permanent für die Anwesenheit von Objekten rechtfertigen und als zählten die Objekte an sich gar nicht, sondern nur ihr Wert als Beleg für ein Thema oder als Beleg für die klassifikatorische Kontrolle,
die Wissenschaft über die an sich chaotische Vielfalt der Natur ausübt. Dabei waren die Objekte so ungeheuerlich
in ihrer Größe und Zahl, dass die Menge und Vielfalt als solche schon allein von hohem Schauwert hätte sein können. Aber es gab kein Konzept, das über den bemühten Gestus der Informationsübermittlung hinausgegangen wäre, eine Vermittlung, die sich ganz dem wissenschaftlichen Stand der Zeit unterworfen hat, ob nun in der Geologie, der Biologie, bei den Mineralien oder bei den Dinosauriern. Die Gestaltung schien dabei nicht mehr beizutragen, als den didaktischen Gestus zu untermauern oder bestenfalls das Ganze hübsch aussehen zu lassen.

Und so wie im AMNH scheint sich die öffentlich präsentierte Naturkunde in der Bekräftigung ihrer Wissenschaftlichkeit nahezu überall auf der Welt aus den Gefilden der gelebten Kultur herausabstrahiert zu haben. Resultat ist eine Naturkunde, die in ihrer Sterilität geradezu zum Naturverzicht, zum Verzicht auf
Naturwahrnehmung auffordert. Hier werden die letzten Kanten eines Interesses aus Unvoreingenommenheit abgeschliffen, werden die letzten Rätselhaftigkeiten mit platten Antworten niedergewalzt, wird das Objekt in seiner stummen Beredtheit durch eine aggressive Rahmung aus Texten und interaktiven Computerstationen auf eine Rumpfanwesenheit reduziert. Wo gestaunt werden könnte, wird schnell an ein Wissen rückgebunden, das jegliche Spannung im Besucher abfließen lässt noch bevor sie sich überhaupt aufbauen kann. Ja, anstatt die Aufmerksamkeit auf das Naturobjekt zu lenken, wird sie bereits im Ansatz abgebogen, um im Rieselfilter wissenschaftlicher Plattitüden ausgewaschen zu werden. Diese Institution ist nicht unpoetisch, sie ist antipoetisch.
Dabei wird der Besucher mit unvorstellbaren Zeiträumen, unvorstellbaren Entfernungen, Größen- und Mengenangaben konfrontiert, wie man überhaupt stolz zu sein scheint auf Unvorstellbarkeit. Es klingt darin ein Wissensgestus durch, der ein Symptom des eigentlichen und letzten Ideologischen Kerns des
Naturkundemuseums ist: nämlich als einzige Institution unter den Kulturträgern noch dem Objektivitätsanspruch
zu genügen.(...)

Ein durch und durch lesenswerter Artikel, der sehr viel konstruktiver ist, als das Zitat es andeutet. Am Ende ruft er zur Entschleunigung der Naturkundemuseen auf. Warum? Zumindest einige von denen, die nicht in einem der kritisierten Typen von Naturkundemuseen arbeiten, werden diesen Gedanken bei der Lektüre des Artikels nachvollziehen können. Die anderen müssen sich weiter durch Fußnoten fachwissenschaftlicher Artikel und Forschungsberichte quälen, Ausstellungen produzieren, die keine Lust auf das "Mehr" evozieren und es ertragen, dass keiner die von ihnen ausgesandten Signale empfängt.

Zitat aus Dr. Günter Wahlefeld, Naturkundemuseum Reutlingen: Befreit die Natur! - Über die Erweiterung des Verhältnisses zur Natur im Naturkundemuseum mit den Mitteln der Ausstellung.
In: Tauschbörse 23 (2005), 14-19

Das Klima vor 15.000 Jahren

Am 31. Januar 2007 stand in Discovery News zu lesen, dass Fulgurite ("Blitzröhren",s. Mineralienatlas) aus der lybischen Wüste auf ein Alter von 15.000 Jahren datiert werden konnten. Und nicht nur das. Rafael Navarro-González, Forscher an der Universidad Nacional Autónoma de México und ein international besetztes Forscherteam haben herausgefunden, dass kleinste eingeschlossene "Blasen" Gase enthalten, die Rückschlüsse auf das Klima vor 15.000 Jahren erlauben.
Der wissenschaftliche Artikel erscheint in der Februarnummer der Zeitschrift Geology.

[via Cronaca]

Kulturelle Welten

Es geht um Dies und Das aus der Welt der Kulturvermittlung: über Museen und Ausstellungen, Lichter in der Nacht und was Jörn Borchert sonst noch so ge-, miss- und auffällt. Gerne schaue ich dabei nach Frankreich.

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Kommentare

Die Kampagne ist ja fantastisch!...
Die Kampagne ist ja fantastisch! Ja das wäre wirklich...
Christoph Mathiak (anonym) - 2008-10-09 23:15
Fortschritt kann auch...
Hallo Frau Kuhlemann, klar, es ist immer gut, wenn...
Joern Borchert - 2008-10-06 20:12
Fortschritt
Hallo Herr Borchert, wieso finden Sie das wieder nicht...
Marion Kuhlemann (anonym) - 2008-10-06 11:39
Pardon!
Pardon, wenn ich zu streng war. Wurde vielleicht dazu...
Joern Borchert - 2008-10-02 22:53

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